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Kurzgeschichten von Bahngleis 16 – Gedanken einer Berufspendlerin

22.45, müde. RE nach Köln verspätet sich um 20 Minuten. Ein IC fährt ein. Ich könnte so viel schneller Zuhause sein. Der Schaffner pfeift schon, ich renne zu ihm. „Kriege ich ein Ticket auch an Board?“, „Wohin müssen Sie?“, antwortet er hektisch, „Köln!“. „Steigen Sie einfach ein und setzen Sie sich hin!“. DB: gestern hast Du für Gleichgewicht gesorgt. Dafür lässt Du heute meinen Zug einfach komplett ausfallen.

Kurzgeschichten von Bahngleis 16 – Gedanken einer Berufspendlerin

Ein Bettler bahnt sich seinen Weg durch die wartende Menschenmasse. Fettige, dunkle Locken unter einer jägergrünen Strick-Schirmmütze. Zigarette hinter dem Ohr. Schwarze Finger halten vor den Wartenden ein zerknicktes Pappschild hoch. „Ich habe Hunger!“. Einige ignorieren ihn, die nächsten drehen sich weg. Er bleibt vor einer Geschäftsfrau stehen. Kamelhaarmantel, blonde Haare, französische Maniküre, Smartphone am Ohr. Er hebt sein Schild hoch, schaut sie direkt an. Es folgen verdrehte Augen samt Wischgeste. Er senkt sein Schild und greift sich beherzt in den Schritt. „Du kannst mir auch einen blasen – dann wird mir heute wenigstens auch einmal warm!“.

Kurzgeschichten von Bahngleis 16 – Gedanken einer Berufspendlerin

Ein ICE fährt ein. Türen öffnen sich. Irritierte Zugreisende steigen aus. Eine Traube von jungen Damen findet sich zusammen und berät sich über den weiteren Verlauf ihrer Reise. Ein Pakistani steht beobachtend neben mir. „Oh – she’s very healthy!“, sagt er hoch erfreut. Deutet dabei mit einem schnellen Kopfnicken in Richtung einer der etwas üppiger gebauten Damen mit glänzend-schwarzem Dutt und ausladendem Lidstrich – und geht weiter.