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Barcelona – eine Stadt zwischen "rauxa y seny"

Wir lassen den Regen Kölns hin­ter uns und machen uns auf zum Flughafen. Barcelona heißt das Ziel und nach nur 2,5 Stun­den landen wir am Flughafen El Prat. Mit dem Taxi geht es nach einer ca. 30-minütigen Fahrt zum Hotel Claris. Der Check-In gestal­tet sich unkompliziert und entgegenkommend, dazu ein Glas Cava.

Nach einer kurzen Erfrischung treten wir ein ins nächtliche Leben von Barcelona. Der Abend ist mild, es ist 21.30 Uhr. Barcelona schläft noch lange nicht. Aus den vielen Kneipen und Restaurants dringt das Geklapper von Besteck und Geschirr auf die Straßen. Volle Tabletts werden von flinken Kellern an Tische gebracht. Man hört Korken knallen, Gelächter und Musik. Zu Fuß laufen wir durch das abendliche Treiben bis zum Plaça del Olles, das Ziel: Cal Pep, eine der angeblich kleinsten Tapas Bars in Barcelona und wer Glück hat, der ergattert sogar einen der beliebten Plätze an der Theke.

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Einmal Platz genommen wird lediglich gefragt ob man Fisch möge, danach gibt’s kein Zurück. Der perfekt einstudierte Küchentanz zaubert cloïsses amb pernil (Venusmuscheln in einem kräftigem Weissweinsud mit Speck, Petersilie und Olivenöl), gefolgt von trifàsic (saftig gebratene Baby-Calamari), kross ausgebackenen Sardellen und gegrillte Garnelen, dazu wird eine drei Centimeter dicke Tortilla, weich und geschmeidig, gebacken mit Kartoffel gereicht, gefolgt von einem perfekt abgeschmeckten Thunfischtartar. Jeder Gang wird mit eiskaltem Bier vom Fass herunter gespült, bis wir die weiße Flagge hissen und aufgeben müssen. Was für ein köstlicher Auftakt in der katalanische Mittelmeerperle.

Der zweite Tag führt uns nach Gracia. Renée von Devour Barcelona lotst uns gezielt über die laute Passeig de Gràcia und sobald die große Diagonal überquert ist, sind wir überrascht, wie ruhig und gemütlich es in Barcelona plötzlich zu gehen kann. Gràcia erscheint wie eine eigene Stadt in der Stadt oder vielmehr wie ein kleines Dorf. Gràcia war früher einmal eine eigene Stadt, außerhalb der Stadtmauern Barcelonas, die erst im 19. Jahrhundert – unter großem Prostest seiner Einwohner – von der zusehend wachsenden Stadt Barcelonas regelrecht verschlungen wurde. Heute ist Gràcia vor allem eines: Ein ruhiges Wohnviertel, das seine politisch engagierte Energie und liberale Atmosphäre bis heute nicht verloren hat. Viele Studenten, Künstler und Intellektuelle haben sich hier angesiedelt und fühlen sich in diesem Szenebezirk Barcelonas ebenso wohl wie die lang Eingesessenen.

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Vier Stunden lang durchqueren wir die engen Gassen gesäumt von Häusern mit eleganten Balkonen, schattigen Plätzen mit alten Kirchen und gemütlichen Straßencafés und immer wieder macht Renée an den unscheinbarsten Lokalen Halt, um uns ihre Geschichte zu erzählen, um uns die echte katalanische Küche kosten zu lassen. Devour Barcelona ist nämliche eine geführte, kulinarische Tour, jenseits der festgetretene Touri-Trampelpfade. Insgesamt werden 12 verschiedene familienbetriebene Lokale angesteuert und in jeder wird eine hausgemachte Köstlichkeit serviert. Mit müden Füßen und vollen Bäuchen lassen wir den Tag mit einem kalten Glas Cava ausklingen und beschließen, dass das nicht das letzte Mal war, dass wir eine Foodtour gebucht haben.

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Tag drei und vier führen uns zu den „Musst-Du-Gesehen-Habens“: Angefangen mit den berühmt berüchtigten Ram­blas. Halb Allee, halb Rummelplatz – vierundzwanzig Stunden lang, sieben Tage die Woche von Leben erfüllt. Blumen- und Gemüsestände, Vogelmärkte, Strassenkünstler, der Mercat de la Boqueria, Lotterieticketverkäufer, Schuhputzer, Straßentheater, avantgardistische Galerien, Cafés, Musiker, Pantomimen, Opernsänger, Maler, schrille Bars, Designhype-Shops, spleenige Museen, Souvenirs, Kitsch, clowneske Taschenspieler, Flamenco-Ensembles und immer wieder lebende Statuen, allesamt Geschöpfe aus diesem Treibhaus der touristischen Selbstvermarktung. Wer’s mag, denke ich mir und biegen in eine der kleinen Seitenstraßen ab, die uns hoffentlich schnell weit weg von diesem einen Kilometer langen Touristrom bringt.

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Der Mercat Sant Josep, wie die Jugendstilhalle offiziell heißt, gilt als die schönste Markthalle der Welt. Neben Fischverkäuferinnen, Gemüsehändlern, tratschenden Hausfrauen und Yuppies treffen sich hier die Chefs der renommiertesten Restaurants, Kulturschaffende, Bürgermeister, Bestsellerautoren und Stardesigner. Am besten ist man schon kurz nach sieben dort, wenn überall die Rolläden hochrasseln. Wenn in den Gängen noch die Pfützen von der nächtlichen Reinigung stehen. Wenn die Männer auf Sackkarren die neue Ware bringen. Wenn die Frauen die Tomaten, Äpfel und Orangen stapeln, die Weintrauben, sogar die Kartoffeln und die breiten grünen Bohnen zu kunstvollen Pyramiden stapeln. Wenn noch alle Sinne auf Empfang stehen, noch nicht betäubt sind von den Eindrücken des Tags. Wenn die Marktverkäufer noch ein bisschen verschlafen und verfroren hinter ihren Bergen von Trockeneis stehen. Als wir den Markt mit weiteren hunderten von Besuchern betreten ist es bereits 10 Uhr. Renée hat uns erzählt, dass Barcelonas Bürgermeister mit dem Gedanken spielt den Markt für Touristen schließen zu lassen. Sie kaufen nichts, machen nur Fotos, verdrängen die Einwohner Barcelonas, die auf dem Markt ihre Lebensmittel kaufen möchten und schaden somit den Händlern. Wir beobachten wie eine ältere, zerbrechliche Dame samt Einkäufe, in Begleitschutz von ihrem Gemüsehändler des Vertrauens, durch die Menschenmassen aus der Markthalle geführt werden muss und treten Schuld bewusst den Rückzug an.

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Und über allem ragen die spindelartigen Türme der Sagrada Familia. Bis zu 115 Meter sind sie hoch, der Turm über der noch nicht errichteten Hauptkuppel soll sogar 170 Meter hoch werden. Der Grundstein des „Temple Expiatori de la Sagrada Familia“ wurde im März 1882 gelegt und ein Jahr später wurde der damals noch junge Antonio Gaudi als Architekt verpflichtet. Er gestaltete die damals schon bestehenden Entwürfe um und gab dem Bauwerk seine Handschrift. Gebaut wird immer noch, der Abschluss ist für 2026 avisiert – dem 100. Todestag Gaudis. Insgesamt soll die Kirche 18 Türme bekommen: 12 davon werden jeweils den Aposteln gewidmet, vier Türme den Evangelisten und die verbliebenden zwei Türme Maria und Jesus Christus. Doch erst im Inneren wird die Größe und die Pracht der Sagrada Familia deutlich. Der Innenraum ist 45-60 Meter hoch, steinerne Säulen stützen das Gewölbe, erinnern an Bäume, die ihre Äste gen Himmel recken. Es herrscht ruhiges Treiben, immer wieder setzen wir uns und lassen uns von der Architektur hinreissen. Selten habe ich einen so verwunschenen Ort erlebt und suche einen sicheren Platz, tief in meinem Inneren, an dem ich dieses Gefühl der Ruhe aufbewahren möchte.

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Barcelona, Du katalanische Mittelmeerperle, Du wucherst, bist ein ewiges Experiment, und drohst am Erfolg Deiner talentierten touristischen Selbstvermarktung zugrunde zu gehen. Du bist eine Metropole der Gegensätze. Oder, wie der Katalane sagt, eine Stadt zwischen „rauxa y seny“, zwischen Rausch und Vernunft. Die Schlingpflanzen-Architektur des Jugendstils neben Deiner schönen, verruchten Hafenromantik. Deinen exzentrischen Bauten, die von gebrochenen Tabus, vom freien Lauf der Fantasie erzählen, neben gotischen Monumentalbauten. Aber, das ist der Charme, der Dich ausmacht. Denn Du bist viel mehr als die Hauptstadt Kataloniens und heimliche Hauptstadt Spaniens. Du bist die Stadt der Weltoffenheit, der Lebenslust, der Geschäftigkeit und des Genusses und ich habe gelernt Dich trotz Deiner Schwächen zu lieben!

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Mehr Fotos und Eindrücke von Barcelona findet ihr hier: BARCELONA – DU KATALANISCHE MITTELMEERPERLE

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